Am Rande der Vorbereitung des Deutschen Davis-Cup-Teams Anfang Februar – unter anderem im Meerbuscher TeReMeer – hatte Tennisunternehmer Marc Raffel Gelegenheit, mit Davis-Cup-Teamchef Michael Kohlmann über den Davis Cup und den aktuellen Zustand des deutschen Profitennis zu sprechen.

Tennisunternehmer Marc Raffel (l.) mit Davis Cup Chef Michael Kohlmann im Gespräch

Marc Raffel: Michael, du kommst gerade frisch aus Melbourne von den Australian Open. Wie war dein Eindruck?

Michael Kohlmann: Die Australian Open heißen zu Recht „Happy Slam“. Es herrscht dort eine entspannte, positive Atmosphäre. Man ist sehr nah an den Spielern und fühlt sich einfach gut. Klar, es war extrem heiß, aber die Temperaturschwankungen sind enorm – zwischendurch gab es auch richtig kühle Tage.

Marc Raffel: Wie fällt dein sportliches Fazit aus?

Michael Kohlmann: Alexander Zverev hat herausragendes Tennis gespielt. Er hat sein Spiel nochmals weiterentwickelt und sich absolut extraklassig präsentiert. Ich glaube, es kann ein ganz starkes Jahr für ihn werden. Aber auch Yannick Hanfmann wusste zu überzeugen. Jan-Lennart Struff zeigt ebenfalls wieder eine aufsteigende Tendenz – er hatte sich erst kurz vor den Australian Open durch seinen Challenger-Triumph in Lyon für das Hauptfeld qualifiziert. Daniel Altmaier erwischte gegen Altmeister Marin Čilić leider einen schwarzen Tag.


2026 wird ein wichtiges Jahr für Justin Engel

Marc Raffel: Und was sagst du zu unserem Newcomer Justin Engel?

Michael Kohlmann: Justin ist auf einem sehr guten Weg. Er ist erst 18 Jahre alt, hat kürzlich bei den Next Gen ATP Finals gespielt und möchte in diesem Jahr die Top 100 angreifen. Aktuell bewegt er sich als starker Challenger-Profi dicht am Sprung auf die große ATP Tour. 2026 wird für ihn ein sehr wichtiges Jahr.

Marc Raffel: Und dahinter stehen bereits die nächsten Nachwuchshoffnungen?

Michael Kohlmann: Ja, zum Beispiel Max Schönhaus. Er spielt derzeit viele Matches auf der Tour. Diese Matchpraxis ist enorm wichtig für Härte und Erfahrung – genau dort sammelt er aktuell sehr viel.


Kevin Krawietz (r.) und Tim Pütz (beim Aufschlag) beim Davis Cup Training im Meerbuscher TeReMeer

Marc Raffel: Wir aus der Boris-Becker-Generation erinnern uns noch gut an die großen Davis-Cup-Schlachten mit Boris Becker & Co. Das Davis-Cup-Format hat sich inzwischen stark verändert. Wie stehst du dazu?

Michael Kohlmann: Das waren großartige Davis-Cup-Jahre, keine Frage. Aber der Turnierkalender der Profis ist extrem eng geworden, dadurch geriet der klassische Davis Cup zunehmend unter Druck. Man musste reagieren. Heute haben wir eine Vor- und eine Endrunde, wobei die Endrunde auf neutralem Boden ausgetragen wird. Damit geht zwangsläufig ein Teil der früheren Atmosphäre verloren. Allerdings denken ITF und ATP darüber nach, das frühere Format in angepasster Form wiederzubeleben – mit einer Saisondauer von zwei Jahren. Mal sehen, wie sich das entwickelt.

Marc Raffel: Kürzlich hat der DTB-Präsident in der Rheinischen Post vor einem Trugschluss gewarnt: Die Spitzenposition von Alexander Zverev könne über den insgesamt eher dürftigen Zustand des deutschen Spitzentennis hinwegtäuschen. Hat er recht?


Wir haben zu wenig Topspieler

Michael Kohlmann: Ja, das stimmt. Wir haben zu wenig Topspieler. Fünf deutsche Teilnehmer bei den Australian Open sind definitiv zu wenig – wir treten unter unseren Möglichkeiten auf. Wir benötigen mehr Turniere im eigenen Land, die unseren jungen Spielern echte Chancen bieten. Im Jugendbereich tut sich derzeit viel Positives, im Erwachsenenbereich müssen wir auf Turnierebene deutlich mehr investieren. Ein Blick nach Italien zeigt, wie es gehen kann: Dort reiht sich ein ITF- oder ATP-Turnier ans nächste. Das Ergebnis sind viele Profis und aktuell große Erfolge. In den 90er-Jahren waren wir – noch vor dem Bosman-Urteil – sehr gut unterwegs. Danach sind wir eingebrochen. Ausländische Profis fluteten die Bundesliga, und die Verbände konnten den steigenden Förderbedarf nicht mehr stemmen.

Marc Raffel: Was schlägst du konkret vor?

Michael Kohlmann: Wir müssen Kooperationen aufbauen. Zum Beispiel sollten wir deutlich enger mit dem US-amerikanischen College-System zusammenarbeiten. Außerdem gehören die Richtlinienkompetenzen der Verbände grundsätzlich auf den Prüfstand.

Marc Raffel: Michael, vielen Dank für das Gespräch.


Steckbrief Michael Kohlmann

  • Geboren: 11.01.1974

  • Geburtsort: Hagen

  • Wohnort: München

  • Familienstand: Verheiratet, zwei Töchter

  • Größe: 1,88 m

  • Tennisprofi: 1995–2013

  • Career High: ATP-Rang 98 (1998)